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Donnerstag, 5. Mai 2016

Inklusion für Schüler/innen leicht gemacht

Quelle: Aktion Mensch
Was ist Inklusion?
Diese Frage - und vor allem die Antwort darauf! - habe ich gestern mit ca. 60 Grundschüler/innen versucht zu analysieren. Der Begriff "Inklusion" ist sperrig und schwierig zu verstehen. Und dennoch haben die Jungen und Mädchen der Grundschule Kaisersesch das dahinter stehende Konzept verstanden.
Wie das geht? Ganz einfach: mittels Anschauungsmaterial. Die Aktion Mensch stellt wunderbare Plakate und Broschüren zum Thema Inklusion zur Verfügung, die jeder über deren Internetseite beziehen kann. Dank eines einfach gestalteten Bildes (s.o.) verstehen schon die Jüngsten, was es heißt, ein vollständig akzeptiertes und "zugehöriges" Mitglied der Gesellschaft zu sein.
Die Kinder, mit denen ich gestern ins Gespräch kam, waren perfekt durch ihre Lehrerin vorbereitet. Sie hatte ihre Klasse nicht nur in das Thema "Behinderung" eingeführt - mittels eines "Rollstuhlexperiments" (Wie fühle ich mich, wenn ich im Rollstuhl sitze?) -, sondern auch den Einstieg in die Lektüre meines Buches "Im Rollstuhl nach Florenz" vorentlastet. So konnten wir in einer lebendigen Diskussion über Inklusion sprechen - ohne Barrieren, ohne Zwang, sondern mit viel Engagement, Nachdenklichkeit und Zuversicht für die Zukunft.
Es war ein toller Vormittag für mich: inspirierend und Hoffnung spendend. Unsere Jüngsten sind offen für neue Begegnungen und für Veränderung. Das ist ein wichtiges und schönes Zeichen! 

Donnerstag, 7. Januar 2016

Besondere Mamas und Papas

Ich habe gerade bei Facebook einen Artikel entdeckt, der ein sehr wichtiges und leider oftmals vernachlässigtes Thema anspricht: "Eltern mit Behinderung". Bei "Im Rollstuhl nach Florenz" dreht sich alles um die dreizehnjährige Sophie, ein junges Mädchen, das im Rollstuhl sitzt. Auch bei meinem Malwettbewerb haben sich die meisten Teilnehmer/innen damit beschäftigt, wie Kinder mit dem Thema #Behinderung umgehen und wie es Kindern oder Jugendlichen ergeht, die selbst eine Beeinträchtigung haben. Natürlich haben auch einige Erwachsene mit "special needs" teilgenommen, aber sie alle sind, soweit ich weiß, keine Eltern. Bis auf eine Frau, die in einer Wohn- und Förderstätte in Rheinhessen lebt. Sie hat eine geistige und körperliche Behinderung. Als ich mit ihr ins Gespräch kam, hat sie mir ganz stolz von ihrer kleinen Tochter erzählt: was sie schon alles kann, was sie gerne macht, was sie weniger mag usw. Zu meiner eigenen Schande muss ich gestehen, dass ich ein wenig überrascht war: Sie ist Mutter? Dieser Gedanke schoss mir durch den Kopf. Aber nicht, weil ich das in irgendeiner Form merkwürdig oder gar verurteilungswürdig fand. Ich war schlicht und ergreifend überrascht, weil ich daran vorher leider nie gedacht habe. Das tut mir sehr Leid.
Wheelymum schreibt auf ihrem Blog: "Leider ist es auch immer noch so, dass eine Elternschaft bei behinderten Eltern nicht per se für gut empfunden wird." Diese Tatsache ist nicht nur schade, sie ist traurig. Wheelymum hat selbst eine Behinderung und berichtet von ihrem Mutterglück, aber auch von den unangenehmen Reaktionen ihrer Mitmenschen auf ihre Schwangerschaft. Wie sie das bloß bewerkstelligen werde, fragte man sie. "Es gab fragende, erschreckte und verständnislose Gesichter", schreibt sie. Dabei war sie auf der Suche nach Antworten, nach einem Austausch mit Personen in einer ähnlichen Situation. "Auch heute bin ich als wheelymum die Ausnahme", fährt sie fort.
Dieses persönliche Schicksal zeigt uns: Wir sind noch weit entfernt von einer inklusiven Gesellschaft. Die größten Hindernisse stellen wohl nach wie vor die Blockaden in unseren Köpfen dar: in Wheelymums Fall  sind das gedankliche Konstrukte à la "das geht doch nicht", "das darf nicht sein" und "was soll das bloß?" Inklusion bedeutet nicht nur Barrierefreiheit im physisch-haptischen Sinn. Sie umfasst auch eine Ausradierung unserer starren Denkmuster, ein Umdenken in der Gesellschaft hin zu dem kollektiven Gedanken "Es ist schön, dass es dich gibt: du mit all deinen Facetten, Regenbogenfarben, deinem Charme, deinen Geistesblitzen, deinem Witz, deinen Marotten, deinen Hobbys, Wünschen, deinem Denken, deinen Interessen, deinen Ängsten und deinen Träumen, deinen Zielen, deinem Lächeln, deinem Weinen, deinem Du."

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Internationaler Tag der Menschen mit Behinderungen

Heute ist ein besonderer Tag: der Tag der Menschen mit Behinderungen. Ein Tag, an dem wir uns unter anderem den Begriff der #Barrierefreiheit noch einmal ins Gedächtnis rufen und überlegen sollten, inwieweit dieses "Konzept" bis heute in Deutschland realisiert worden ist.

Meine Cousine und ich
Auch ich möchte mich dazu äußern und eine kleine Anekdote aus dem "Improvisations-Alltag" von meiner Cousine - die schwerstbehindert ist und im Rollstuhl sitzt - , ihren Eltern und mir erzählen. Wie jedes Jahr kurz vor Weihnachten besuchten wir 2014 den Mainzer Weihnachtsmarkt. An eine abendliche Tour ist gar nicht zu denken! Wie soll man sich bloß mit dem Rolli durch all die Menschenmassen wühlen?! Wir besuchen den Markt immer mittags oder nachmittags. Das funktioniert meistens ganz gut. Aber wehe, meine Cousine muss auf Toilette! Dann beginnt das wilde Suchen nach einer barrierefreien Toilette. Letztes Jahr haben wir es in einem Café auf dem Domplatz versucht. Dort gibt es zwar einen barrierefreien (Seiten!-)Eingang, doch der Toilettengang fällt schwer. Es gibt nur eine "normale" Damentoilette, durch deren Tür der Rollstuhl nur mit Mühe und Not passt.
Wir haben es dann in einem großen Kaufhaus versucht. Die erste Hürde waren die altmodischen Türen, die ein gesunder Mensch mit kräftigen Armen kaum aufstoßen kann! Von einer behindertengerechten, automatischen Tür keine Spur. Aber immerhin: Hier ist eine barrierefreie Toilette auf dem Wegweiser im Erdgeschoss ausgeschildert. Nur wo ist sie bloß? Und wo zum Teufel ist der Aufzug in all dem Wirrwarr an Gängen, Ausstellungskästen, Waren, verborgenen Winkeln und Menschen versteckt? Wir finden heraus, dass die Toilette im obersten Geschoss ist. Wer denkt sich bitteschön so etwas aus?, habe ich mich damals gefragt. Beinahe ist es zu spät und meine Cousine hätte in die Hose gemacht! Nach ewigem Suchen haben wir den Aufzug endlich gefunden. Welch eine Tortur!
Die nächste Hürde begegnet uns in einem Restaurant auf dem Theaterplatz. Zwar ist auch hier ein Aufzug vorzufinden - und diesmal nicht versteckt! - , auch die Tische im Keller sind glücklicherweise nicht auf einer Anhöhe, so, wie es im Erdgeschoss der Fall ist: Der Rollstuhl kann ganz bequem an den Tisch herangeschoben werden. Prima. Aber auch hier wird der Toilettengang zu einem echten Problem. Nicht etwa, weil es keine barrierefreie Toilette gäbe. Nein, die ist vorbildlich vorhanden. Es erwartet uns eine andere Barriere: eine soziale. Zwei Damen versperren den Weg zum Toiletteneingang mit ihren Kinderwagen. Als meine Tante meine Cousine dorthin schiebt, machen sie keine Anstalten, die Wagen beiseite zu fahren. Es wäre nun wirklich kein großer Aufwand gewesen! Sie schauen meine Cousine an und reagieren nicht. Schließlich muss meine Tante das übernehmen, vorher natürlich die Bremsen des Rollis feststellen, damit Heike nicht davonrollt!

Von alltäglichen physischen Barrieren wie erhöhten Bordsteinkanten, veralteten Bussen, die noch Treppenaufgänge haben, U-Bahn-Stationen, die noch keine Aufzüge kennen usw. möchte ich an dieser Stelle gar nicht reden. Es ist - an diesem besonderen Tag - schlicht und ergreifend nur darauf hinzuweisen, dass wir noch weit entfernt sind von einer barrierefreien Gesellschaft. Ich hoffe für alle Menschen, für die Barrierefreiheit eine Steigerung der Lebensqualität bedeutet, dass sich das bald ändern wird. Ein langer Weg liegt vor uns. Aber ich bin optimistisch.

PS: Auch dieses Jahr wollen wir den Weihnachtsmarkt wieder besuchen. In Kombination mit einem Gospel-Konzert in der Mainzer Christuskirche. Ein Lichtblick: Bei der Buchung der Tickets sprach ich mit einer sehr netten Frau. Sie teilte mir mit, wo der barrierefreie Eingang zur Kirche zu finden ist. Meine Cousine und alle anderen Rollifahrer dürfen die Kirche vor den anderen Besucher/innen betreten, damit sie einen geeigneten Sitzplatz findet, von dem aus sie etwas sehen können. Auch wenn so etwas eigentlich selbstverständlich sein sollte, war ich doch sehr gerührt, so etwas Nettes zu hören.

Mittwoch, 1. Juli 2015

Inklusion ist NICHT einfach, Teil 1

Als ich dieses Projekt ins Leben gerufen habe, war mir noch nicht ganz klar, mit wie viel Aufwand die Gestaltung und Umsetzung verbunden sein würde. Seit Beginn des Malwettbewerbs komme ich kaum noch zum Studieren, man mag es kaum glauben. Es gibt so viel zu organisieren. 
Die größte Hürde am Anfang war die Kontaktaufnahme: Interessenten suchen, die sich am Malwettbewerb beteiligen möchten. Das war eine äußerst stressige und vor allem nervenaufreibende Zeit. Ich habe Dutzende, ja gar Hunderte von E-Mails verschickt - an Schulen in ganz Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Baden-Württemberg und sogar Berlin - quasi auch als kleiner Test, welches Bundesland sich besonders für Inklusion interessiert. 
Die Bilanz war äußerst ernüchternd. Ich habe nur wenige Rückmeldungen erhalten, die man an einer Hand abzählen kann. Eine große Enttäuschung, der erste "Dämpfer", Ernüchterung gleich zu Beginn der Projektzeit. Keine schöne Erfahrung, wenn man bedenkt, mit wie viel Herzblut ich an die Sache herangegangen bin. 
Fragen geisterten mir durch den Kopf: 
  • Sind die E-Mails im Spam-Ordner gelandet? Das war das Fünkchen Hoffnung, das in mir aufkeimte, aber schnell wieder verschwand. Denn ich habe viele Lesebestätigungen erhalten (was, wie ich mir habe sagen lassen, wohl technisch gesehen auch nichts bedeuten muss). 
  • Lag es also an meiner Ausdrucksweise? Hat man mich nicht verstanden? Durchaus möglich, denn das ist mein erstes Projekt dieser Art. Ich bin eine Novizin auf dem Gebiet Inklusion und Projektmanagement. Da darf es nicht verwundern, wenn ich Anfängerfehler mache. 
  • Darf man den Menschen, die ich kontaktiert habe, mangelnde Kooperationsbereitschaft unterstellen? Das sollte man wohl nicht. Aber ich darf wohl so weit gehen, eine gewisse Unhöflichkeit anzuprangern. Ich finde es nicht nur schade, sondern auch bis zu einem gewissen Grad respektlos, einfach nicht auf E-Mails zu antworten, in denen ich mein Projekt vorgestellt und um das schulische Engagement gebeten habe. Natürlich bin ich mir bewusst, dass die Lehrerinnen und Lehrer von heute sehr im Stress und nicht, wie ein ehemaliger Bundeskanzler behauptet hat, "faule Säcke" sind. Als angehende Lehrerin weiß ich genau, wie sehr man an den Lehrplan gebunden ist. Da gibt es kaum Spielräume für kreative Betätigungen wie die Teilnahme an einem Malwettbewerb. Noch dazu bedarf die Thematik meines Malwettbewerbs einer speziellen Vorarbeit seitens der Lehrkräfte: Das Thema Behinderung muss vor dem Malen angesprochen werden, zumindest das "Anders-Sein". Ebenso ist es notwendig, sich mit meiner Geschichte auseinanderzusetzen, denn sonst könnte man Kategorie 2 nicht bearbeiten. Blauäuig, wie ich war, habe ich dennoch gehofft, dass die Lehrerinnen und Lehrer diese Vorarbeit auf sich nehmen - eben WEIL die Thematik so WICHTIG ist, nicht OBWOHL sie so SCHWIERIG ist. 
  • Immerhin: Einige Lehrkräfte haben sich für das Projekt eingesetzt, offensichtlich sogar mit Hingabe und Freude! Den Kindern scheint das Malen auch sehr gefallen zu haben. Bezeichnend ist aber, dass die Mehrheit der Schulen, die teilgenommen haben, Förderschulen und eben keine Regelschulen sind. Bedeutet das, dass die Regelschulen noch gar nicht bereit für Inklusion sind? Ich kann diese Frage nicht beantworten, auch nicht die, ob eine mangelnde Beteiligung einem gewissen Maß an Desinteresse geschuldet ist. An dieser Stelle möchte ich aber sagen, dass ich es sehr sehr traurig finde, dass nur so wenige Regelschulen am Wettbewerb teilgenommen haben. Inklusion ist nicht einfach zu realisieren. Sie ist noch gar nicht in den Köpfen der Menschen angekommen; das hat mein kleines Projekt wohl gezeigt.
Gleichwohl möchte ich mich an dieser Stelle bei den wenigen Regelschullehrerinnen und -lehrern bedanken, die mir aufgrund ihrer Teilnahme Hoffnung machen. Aus Mayen habe ich viele Einsendungen erhalten, auch aus Mainz ein paar.
Mein Dank gilt auch all denjenigen, die mich eingeladen haben, eine Malwerkstatt in einer bunten Gemeinschaft zu veranstalten. Wir hatten eine wunderbare Zeit zusammen. Hier seien u.a. genannt: der Power-Club in Nieder-Olm, die Wohnstätten Münchfeld und Wörrstadt, der familienunterstützende Dienst Jugenheim, das Förderzentrum Daun usw.
Mein Text mag etwas negativ konnotiert sein. Zum Schluss dieses Posts soll aber auch eine fröhliche Botschaft vermittelt werden: Knapp 100 Einsendungen habe ich bis heute erhalten; und wer weiß: Vielleicht kommen bis zum 11. Juli (Tag des Jury-Treffens) ja noch mehr! (Aufgrund des Poststreiks akzeptiere ich nämlich auch noch Einsendungen, die ich bis zum 10. Juli im Postfach habe.)
Nun gilt es, die Ausstellung (18. Juli) vorzubereiten. Ich bin gespannt, auf wie viele Hürden ich bis dahin noch stoßen werde. Mehr dazu gibt's in Kürze... Bis dahin: eine gute Zeit euch allen!